Die hohe Kunst

Posted on 9. März 2012

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So. Da hat ein Warum-Frager wie ich doch tatsächlich erfahren, daß es auch andere Lehrmethoden gibt, die funktionieren – bei mir. Es war höchste Zeit für den Baumschnitt. Der März kletterte schon in zweistellige Plusgrade.

Noch einmal hatte ich das Glück, es von jemandem zu erfahren, der es selbst von einem alten Obstbauern gelernt hatte und jahrzehntelang beruflich ausgeübt hat. Dreimal war er nun da. Ganz zu Beginn dachte ich, daß ich das selbst hinbekomme. Das mit dem Beschneiden der Obstbäume. Denn sie waren noch da, die alten, uralten, Obstbäume. Nicht mehr so viele, wie ich es aus der Kindheit in Erinnerung hatte, aber immerhin. Ich hatte mir zu Beginn meiner Gärtnerkarriere auch ein schlaues Buch gekauft. „Obstbaumschnitt in Bildern“ von Hans Walter Riess. Ein gutes Buch, wie ich damals fand und auch noch heute finde. Ich glaube, daß ich es mir sogar vor dem ersten Neubaumkauf geholt hatte. Doch, oje! Die perfekten Bilder in den wirklich vielen Beispielzeichnungen des Buches paßten nicht so recht in die Wirklichkeit der vorhandenen Bäume. Über diesen Schock übersah ich auch die wirklich wichtigen Hinweise in den knappen aber angemessen gehaltenen Texten des Buches, und hatte den Eindruck, rein garnichts zu verstehen.

Doch dann hatte ich wirklich Glück. Ein alter „Baumbeschneider“ konnte überredet werden, sich meiner Bäume anzunehmen. Ich dachte „jetzt lerne ich es richtig“. Das war aber schwierig im ersten Jahr. Er betrachtete die Bäume ausgiebig und schnippelte drauflos. Meine Fragen, warum dieses, warum jenes, warum gerade dieser Zweig oder jener Ast (bei zuvor jahrelang nicht beschnittenen oder alten Bäumen hat der Profi auch eine Säge dabei!), blieben praktisch unbeantwortet bis auf ein gelegentliches „Warte es ab!“.

Tja, und ich habe abgewartet. Im darauffolgenden Jahr habe ich selbst ein bischen herumgeschnippelt und danach stand er wieder in meinem Garten. Dieses Mal war schon ein Lächeln in seinem Gesicht zu erkennen und er war auch ein bischen – wirklich, ein ganz klein wenig – redseeliger. „Das sind Fruchtknospen, die dürfen dieses Jahr noch abtragen, dann kommen sie weg.“ „Der wächst in die Krone, der muß weg“ (fast das Einzige, was ich bereits als Kind gehört hatte.), „Den bauen wir auf, der muß ‚hier‘ weg und dann wächst er ’so'“. Aha. „Warum“ brauchte ich noch immer nicht fragen, das blieb weiterhin unbeantwortet. Aber die – verbliebenen und inzwischen auch neuen – Bäume wuchsen tatsächlich und trieben und setzten Früchte ab. Ein alter Cox wurde fast vollständig neu aufgebaut, zwei alte Gelbe Köstliche (aka. Golden Delicious, muß ja jetzt alles englisch sein) trieben und trugen auf einmal wieder Früchte in ernstzunehmender Grüße und die neuen Bäumchen sahen auch nicht mehr so ’staksig‘ aus, wie zuvor durch meine Behandlung. Einzig eine Koröser-Kirsche hat den ersehnten Endzustand nicht mehr mitgemacht, das Alter hat sich letzten Sommer der Monilia ergeben.

Aber insgesamt hat es sich doch gelohnt für mich – ich hätte es selbst nicht mehr gedacht. In diesem Jahr wollte er von sich aus noch einmal kommen und sagte zuvor „Jetzt schneidest Du und ich schaue zu.“ Weia! Schnell holte ich noch einmal oben erwähntes Buch hervor und las hektisch darin. Doch als es ernst wurde, war das Buch verflogen und wir strolchten durch den Garten mit Leiter und Schere. Hier etwas, dort etwas und ein paar Kommentare. Einiges kam mir dann doch bekannt vor – aus dem Buch und dem Vorjahr. Auf welche Knospen man zu achten hat, welche Zweige man beachten sollte, welche einfach wegzuschneiden sind, Triebförderung usw. Und ich war erstaunt. Ja, die hohe Kunst des Baumschneidens…

Man kann es tatsächlich nicht beschreiben. Zumal es schwierig ist; man führt es nur einmal im Jahr durch und muß sich praktisch nach 12 Monaten wieder erinnern, was man damals gedacht oder gewollt hat und muß die Entwicklung bewerten. Obendrein ist es äußerst hilfreich, auch im Sommer, wenn der Blick von gänzlich anderen Seiten im Garten beansprucht wird, noch einmal in die Bäume zu schauen und sich zu erinnern, weshalb man im kahlen Winter dieses oder jenes gemacht hat. Das ist, glaube ich, das Hauptproblem, weshalb einem das Bäume beschneiden so schwer erscheint. Jedoch, ich muß nun sagen, es war gut so – einem alten Meister zuschauen, nachahmen, wenn man denn will, etwas Theorie lesen, und dann tun. Getreu dem Ausbildungsmotto „Vormachen, Nachmachen“.

Ich muß ehrlich gestehen, anfangs war ich enttäuscht, daß mir (zu Beginn) nichts erklärt wurde, zwischenzeitlich war ich verunsichert, weil ich scheinbar nichts verstanden habe, letztendlich habe ich aber verstanden, auch, daß man es schwer in Worte fassen kann und eben nur durch zeigen – gepaart mit dem richtigen ‚Empfinden‘ dafür, auch wirklich erlernen kann. Natürlich würde ich noch lange nicht sagen, daß ich wirklich Obstbäume „richtig“ beschneiden kann, aber ich traue es mir zu! Und in vielleicht zehn Jahren wird sich das Ergebnis zeigen.

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